Newsletter #7/19: Wie man jemandem im Supermarkt nicht begegnet

Wenn ich mich recht entsinne, war es Schopenhauer, der in seinem Hauptwerk „Der Supermarkt als Wille und Vorstellung“ das Selbstbedienungseinzelhandelsgeschäft derart erschöpfend behandelt hat, dass damit eigentlich alles gesagt ist. Kann sein, dass ich den alten Frauenhasser jetzt mit Michel Foucault verwechsle oder auch mit meinem Bekannten Paul Balkon. Der ist zwar kein Franzose und im Umgang mit Frauen voll in Ordnung, wie er mir auf Nachfrage eben versichert hat, aber er redet auch nicht wenig, wenn der Tag lang ist. Wie auch immer – Sie können das ja googlen oder einer anderen Suchmaschine Ihrer Wahl zuführen.

Sicher bin ich mir, dass noch wenig über die Frage publiziert wurde, wie man im Supermarkt mit einem Grundproblem der modernen Erkenntnistheorie umgehen soll. Es lautet: Scheiße, das ist ja ……….. (Vorname/Nachname). Also mit diesem/dieser ……….. (abschätzige Charakterisierung) rede ich jetzt bestimmt nicht.

Grundsätzlich will man ja allem Möglichen nicht begegnen. Ich denke da an Straßenräuber, tollwütige Luchse oder Pesterreger, die neuen Bekanntschaften in der Regel äußerst aufgeschlossen sind, um nur drei von elf denkbaren Möglichkeiten zu nennen. Die Besonderheit im Supermarkt liegt zweifellos in den räumlichen Gegebenheiten begründet. Während Sie, sagen wir, als Cowboy in der Prärie noch jede Menge Zeit zum Verduften haben, wenn Sie in der Ferne den Federschmuck von Häuptling Ekliger Ausschlag im Wind tanzen sehen, bleiben im Gang mit Back- und Streuwaren aller Art oft nur wenige Sekunden Zeit. Hinter jeder Ecke lauert die Gefahr.

Man muss sagen: Einkaufen im Supermarkt ist sozialer Häuserkampf.

Sich dem Risiko durch Vermeidungsverhalten zu entziehen, wäre aber der falsche Weg. Denn bestellt man, sich in Sicherheit wähnend, nun ersatzweise online die Handelsgüter des täglichen Bedarfs, so wartet die böse Überraschung, wenn es blöd läuft, am Ende gar vor der eigenen Haustür: Scheiße, das ist ja ……….. (Vorname/Nachname). Also ich wusste ja gar nicht, dass dieser/diese ……….. (abschätzige Charakterisierung) jetzt Lebensmittel zustellt.

Nein, sage ich, dann lieber das Risiko vor Ort beherrschen. Fragt sich nur, womit.

Prinzipiell stehen uns zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Flucht oder Tarnung. Letzteres hängt in hohem Maße vom Ort des drohenden Aufeinandertreffens sowie den individuellen Improvisationsfähigkeiten ab. Befindet man sich zum Beispiel gerade im Gang mit den Hygieneartikeln, lässt sich mithilfe einer Packung Toilettenpapier, akkurat vor Gesicht und Oberkörper gehalten, problemlos eine vernünftige Camouflage herstellen. Wer über die entsprechende Muskelkraft verfügt, kann auch zur Waschmittelgroßpackung greifen. Passanten – und damit auch das unliebsame Individuum – werden annehmen, dass hier jemand einfach mit besonderem Interesse, aber schlechtem Sehvermögen die Inhaltsstoffe von Omo Color 100 Waschgänge studiert.

Zugleich wird damit aber auch deutlich: Den unglücklichen Versuch zu starten, sich hinter Dr. Oetker Bitter-Mandel-Aroma oder gefrorenem Schnittlauch zu verbergen, kann nur als absolut lächerlich bewertet werden. Insbesondere in der Tiefkühlabteilung wäre sogar von grober Fahrlässigkeit auszugehen, bieten die dortigen naturräumlichen Gegebenheiten doch ausgezeichnete Wege des Untertauchens. So konnte ich schon einmal die unerwünschte Begegnung mit einer einst befreundeten Damenblasmusikkappelle abwehren, indem ich mich in eine Tiefkühltruhe beugte und dergestalt in bester Deckung verharrte. Nicht unerwähnt bleiben darf dabei freilich, dass mich eine innerhalb der Blechbläserinnen geführte Diskussion hinsichtlich der Auswahl von Speiseeis an die Grenzen der Belastbarkeit führte. Die Erfrierungen zweiten Grades ließen sich aber immerhin gut behandeln.

Was die Flucht als Methode angeht, der unerquicklichen Situation zu entkommen, kann man nur eindringlich vor hühnerartig-kopflos ausgeführtem Davonstieben warnen. Es gilt hier, gefasst und mit Bedacht vorzugehen, andernfalls droht die ungewollte Begegnung drei Regale weiter halt erneut. Klar: Nur wer zu jeder Zeit weiß, wo sich das zu meidende Subjekt gerade befindet, ist in der Lage, ihm konsequent aus dem Weg zu gehen.

In diesem Zusammenhang hat sich die Parallel-Gang-Technik bestens bewährt. Hier hält man sich immer eine Regalreihe hinter der unerwünschten Person auf und sorgt damit für gleichmäßigen Sicherheitsabstand. Aber Achtung: Gehen Sie niemals als Erstes an die Kassa! Kaum hat jemand wieder einmal die Scheißbananen nicht abgewogen – und Sie bezahlen doppelt.

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(c) J. F. Park 2019

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