Newsletter #6/19: Morgenschlurfer und das Geschenk der Götter

Frühstücken zählt ja zu den intimeren Dingen, die man mit einem Menschen anstellen kann. Es ist jetzt nicht: Wir offenbaren uns auf einer halben Flugzeugtragfläche in der Beringsee treibend unsere allergrößten Geheimnisse. Und auch nicht: Lass mich Sprudel nordostfranzösischer Provenienz aus deinem Bauchnabel schlürfen, Baby. Aber es geht in die Richtung.

Deshalb befällt mich immer ein gewisses Unbehagen, wenn ich den Frühstücksraum eines Nächtigungsbetriebes betrete. Später am Tag sind die Leute für gewöhnlich aufgeräumt, aber morgens lassen sich die Unzulänglichkeiten der menschlichen Existenz schwer kaschieren.

Problem: Es interessiert mich überhaupt gar nicht, ob jemand eine schlechte Nacht gehabt hat oder aus welchem verrückten Grund auch immer er in der Früh seine Füße bei der Fortbewegung nicht in einer Weise koordinieren kann, die es ihm erlaubt, sich halbwegs lebensbejahend an meinem Tisch vorbei zu wuchten. Stichwort: Morgenschlurfer.

Nicht selten sieht man in der Visage ja auch noch, was Alkohol im Verbund mit einem leistungsstarken Kopfpolster die Nacht über angerichtet hat – das finde ich auch ganz schrecklich. Weil ich es nicht wissen will. Und weil es sich immer ein bisschen so anfühlt, als wäre man dabei gewesen. Da entsteht Gemeinschaft, wo sie nicht hingehört.

Überhaupt gibt es beim Frühstück im Hotel ganz viele Möglichkeiten, um den Tag gepflegt mit jeder Menge Weltschmerz zu beginnen. Frühstück im Hotel heißt immer irgendwas aus irgendwelchen winzigen Schälchen und Verpackungen rauskratzen: Minibutter, Minimarmelade, Mini-No-Name-Nutella, die sich dann als veganer Wurstersatz entpuppt. Frühstück im Hotel heißt auch Leuten dabei zusehen, wie sie drei Liter Orangensaft in sich hineinschütten als gäbe es dieses Geschenk der Götter nur alle sieben Jahre.

Es ist, wenn ich es mir recht überlege, eigentlich auch immer irgendeines dieser servilen Logistikgenies zugange, das für seine Frau / Familie / Reisegruppe Kaffeekreationen auf Milchpulverbasis zaubert und dafür sämtliche Vollautomaten gleichzeitig in Beschlag nimmt. Darüber kann ich mich furchtbar aufregen – aber nur, wenn mein Groll nicht schon vom ganzen Menschen-beim-Essen-zusehen-Müssen aufgezehrt ist.

Das Frühstück als die wichtigste Mahlzeit zu betrachten mag ja eine ernährungsphysiologisch korrekte Empfehlung sein, aber ästhetisch ist sie abzulehnen. Man frisst in der Früh einfach nicht. Dafür gibt es All-you-can-eat-Buffets beim Chinesen oder kulinarisch hochwertig ausgestattete Stehempfänge auf Steuerzahlerkosten. Beim Frühstück ist Contenance gefragt.

Und wenn dann jemand so strebermäßig seine Semmelhälften bestreicht oder sie gar so uhrmachermäßig zum Doppeldecker zusammensetzt, ist es bei mir sowieso aus.

Apropos aus: Auch diese kleine Erregung findet damit ein Ende. Wenn auch kein gutes.

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(c) J. F. Park 2019

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