Newsletter #4/19: Geneigte Köpfe

Unlängst verfolgte ich eine Debatte des deutschen Bundestags. Das klingt jetzt erst einmal wahnsinnig wichtig. Aber wenn der Tag lang ist, weil man krank ist, und gerade kein inspirierender Tierfilm verfügbar, dann sieht man sich ja jeden Scheiß an.

Inspirierend finde ich zum Beispiel: pubertierende Berglöwen übernehmen langsam Verantwortung. Oder: die Delfin-Mutter mit dem Kämpferherz. Der alte Elefant legt sich zum Sterben nieder, stirbt dann aber erst in der nächsten Folge, macht hingegen nur depressiv. Da kann man sich gleich Parlamentarismus ansehen.

Bundeskanzlerin Merkel hielt eine Rede. Worum es genau ging, kann ich gar nicht sagen. Es waren sehr viele Themen, Stoßrichtung: Und das haben wir gemacht und jenes – und es läuft eh super, ich weiß gar nicht, was ihr immer habt’s, Leute.

Was mir dabei trotz dem Virus geschuldeter eingeschränkter Aufnahmefähigkeit auffiel: die vielen geneigten Köpfe im Plenum. Grund dafür waren aber nicht Demut oder ein schlechtes Gewissen, und geschlafen hat auch niemand. Alle starrten einfach nur auf ihr Handy. Chefin redet, Fernsehen filmt – Scheiß egal, es könnte ja was Wichtiges sein. Endlich das zweite Like auf Instagram zum Beispiel.

Man muss sagen: Die Smartphone-Nutzung in einem Parlament steht schon im Zusammenhang mit der allgemeinen Verfasstheit eines Staates. Stichwort: Demokratie und Komfortzone. Mit dem Handy herumspielen, während der Big Boss redet, sieht man ja in anderen Weltgegenden eher weniger.

Du bestellst in Russland während einer Putin-Rede nicht mal eben die Leopardenfellstiefel für Mutti. Höchstens du wolltest schon immer einmal als Bärenköder vor der Präsidentendatscha übernachten.

Und auch in Chinas Nationalem Volkskongress kannst du fürs Mittagessen die Peking-Ente schon einmal zum Mitnehmen ankreuzen, wenn du im falschen Moment an deinem Huawei herumfummelst.

Es gibt hier offenbar große kulturelle Unterschiede. Während man es in den genannten Parlamenten als unhöflich bis selbstmörderisch empfindet, sich in einer Sitzung seinem Handy zu widmen, wird in Deutschland die Verwendung des Smartphones offenbar als Ausübung des freien Mandats betrachtet. Verpflichtet nur dem eigenen Gewissen und dem iPhone XS max.

Was man auch aus den TV-Nachrichten kennt, meistens so als lakonisch-boulvardesker Abbinder des internationalen Meldungsblocks: In Osteuropa und Asien wird gerne geschlägert im Parlament. Es sind dabei meist Volksvertreter in unübersichtlicher Rudelbildung zu sehen, die sich eher kampfsportfern angestrengt an Krawatten oder Mundwinkeln ziehen.

In Afrika hingegen scheint man Konflikte hauptsächlich noch mit Rebellenarmeen zu lösen. Ja, und in England haben sie im Unterhaus nicht einmal fixe Sitzplätze. Wer zu spät kommt, muss den Brexit dann im Stehen verschieben. Wobei festzuhalten ist: Handys sieht man im englischen Parlament wenige.

Wie das Smartphone in Österreichs Hohem Haus genutzt wird, weiß ich nicht. Aber es ließe sich herausfinden. Vorausgesetzt der Virus spielt mit.

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(c) J. F. Park 2019

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