Ich weiß nicht, ob Sie’s schon wissen, aber der Sommer wird vor allem eines: bauchfrei.


Wer die Hoffnung dazuzugehören noch nicht aufgegeben hat, greift heuer aus abdominaler Sicht zum Nulltextil.


Stichwort: Crop Top.


Stichwort auch: Wer sich in der Quarantäne mindestens dreimal täglich auf der Yogamatte herumgewälzt hat, sagt jetzt natürlich, die 2.772 Sit-ups müssen ja für etwas gut gewesen sein.


Ich weiß nicht, ob Sie’s schon wissen, aber Crop Top ist Fachsprache und bedeutet wampenfreies Oberteil.


Wampe wiederum ist ein Begriff aus der Ästhetik und beschreibt die Realität.


Man muss sagen: Crop Tops sind eine Welt für sich. Es ist alles wahnsinnig kompliziert.


Ich weiß das, ich habe mich gerade einschlägig informiert, und als passionierte Solidarfrau, der durchaus modische Ambitionen nachgesagt werden, überlege ich nun selbst auf Kurzstoff umzusteigen.


Sie können mir also gerne glauben, wenn ich Ihnen sage, dass dieses Jahr neben Modellen in Milchmädchen- oder Häkeloptik besonders asymmetrische Crop Tops im Trend liegen.


Es kann gar nicht asymmetrisch genug sein!


Wenn sie mit Statement-Ärmeln ausgestattet sind, ist das noch superer. Carmen-Ausschnitt darf auch gerne sein. Oder auch Tie-Front, wenn Sie verstehen, was ich meine.


Und gesmokte Crop Tops sind sowieso das absolute Must-have. Der geraffte Stoff hat zwar etwas Kindliches, aber in der richtigen Kombination – denken Sie an Leder oder Acid Denim – entsteht Großes. Am besten natürlich mit Off-Shoulder-Ärmeln.


Ob es sich bei einem Crop Top mit Spitze eigentlich in Wahrheit eh schon um ein Bralette handelt, darüber streiten die Gelehrten noch. Zumal auch der Übergang zu Volant-Oberteilen fließend ist.


Ich halte Sie dazu auf dem Laufenden.




Über grundlegende Dinge sollte man sich in einer Beziehung einig sein. Lebensmittelpunkt, Bettseitenzuteilung, sexuelle Orientierung. Wenn Sie mich fragen, ist es auch von Vorteil, wenn die Anzahl haushaltszugehöriger Kinder geklärt ist. Über anderes kann man streiten. Meine Frisur zum Beispiel.


Es gibt da zwischen meiner Frau und mir gewisse Differenzen, die sich in folgendem Satz ziemlich akkurat verdichten: Warum lässt du dir nicht einmal eine richtige Frisur schneiden? (Sie sagt das natürlich nicht kursiv. Jedenfalls nicht nur. Manchmal klingt es auch wie: r i c h t i g e.)


Ich bekomme das sehr oft zu hören. Als Begleitmaßnahme hält mir meine Frau dann gerne Magazinseiten hin, auf denen mittelalterliche Männer mit – nun ja: Frisuren zu sehen sind, und tippt energisch mit dem Zeigefinger darauf herum. Wenn wir uns einen Spielfilm ansehen, ergeht der Hinweis, ich möge doch die Aufmerksamkeit auf die Haarpracht von Darsteller Sowieso richten, der trage nämlich eine Frisur. Selbst im Auto bleiben frisürliche Eröterungen nicht aus: Taucht am Straßenrand ein Haarschnitt auf, der meiner Frau geeignet erscheint, auf meinem Kopf Verwendung zu finden, setzt sie mich unter Missachtung zentraler Regeln der Straßenverkehrsordnung davon in Kenntnis: Schau mal, das ist eine Frisur.


Ich sage dann für gewöhnlich: Aber Schatz, ich habe ja eine. Sie nennt sich Sechs-Millimeter-Maschinenschnitt und ist das Beste, was man bei einem Herrenfriseur in acht Minuten bekommen kann. Wenn ich richtig informiert bin, wird die Schneideapparatur auch in der Schafschur eingesetzt. Es geht so schnell, dass der Bediener dieses Wunderwerks der Technik und ich uns oft nicht einmal angemessen über das Wetter unterhalten können.


Da es sich bei einer Frisur ja um eine von einem Fachmann mit professionellem Gerät nach gewissen dem Geschmack unterworfenen Vorgaben hergestellte Kürzung des Kopfhaars handelt, sehe ich die Verwirklichung eines Haarschnitts damit klar erfüllt. Meine Frau bestreitet dies vehement. Sie stellt sich hier kopfseitig einfach etwas mehr Gewese vor. Eine ausgeklügeltere Architektur, mehr Dynamik an den Scheitelpunkten, was weiß ich.


Doch gerade die Abwesenheit von Haaren, die bei falscher Pflege oder Konfiguration in unerwünschter Weise herumzuhängen oder -zustehen drohen, macht den Ratz-Fatz-Schnitt ja aus.


Kluge Köpfe nennen das Komplexitätsreduktion. Ich nenne es ein fucking Problem weniger.




Wenn ich mich recht entsinne, war es Schopenhauer, der in seinem Hauptwerk „Der Supermarkt als Wille und Vorstellung“ das Selbstbedienungseinzelhandelsgeschäft derart erschöpfend behandelt hat, dass damit eigentlich alles gesagt ist. Kann sein, dass ich den alten Frauenhasser jetzt mit Michel Foucault verwechsle oder auch mit meinem Bekannten Paul Balkon. Der ist zwar kein Franzose und im Umgang mit Frauen voll in Ordnung, wie er mir auf Nachfrage eben versichert hat, aber er redet auch nicht wenig, wenn der Tag lang ist. Wie auch immer – Sie können das ja googlen oder einer anderen Suchmaschine Ihrer Wahl zuführen.


Sicher bin ich mir, dass noch wenig über die Frage publiziert wurde, wie man im Supermarkt mit einem Grundproblem der modernen Erkenntnistheorie umgehen soll. Es lautet: Scheiße, das ist ja ……….. (Vorname/Nachname). Also mit diesem/dieser ……….. (abschätzige Charakterisierung) rede ich jetzt bestimmt nicht.


Grundsätzlich will man ja allem Möglichen nicht begegnen. Ich denke da an Straßenräuber, tollwütige Luchse oder Pesterreger, die neuen Bekanntschaften in der Regel äußerst aufgeschlossen sind, um nur drei von elf denkbaren Möglichkeiten zu nennen. Die Besonderheit im Supermarkt liegt zweifellos in den räumlichen Gegebenheiten begründet. Während Sie, sagen wir, als Cowboy in der Prärie noch jede Menge Zeit zum Verduften haben, wenn Sie in der Ferne den Federschmuck von Häuptling Ekliger Ausschlag im Wind tanzen sehen, bleiben im Gang mit Back- und Streuwaren aller Art oft nur wenige Sekunden Zeit. Hinter jeder Ecke lauert die Gefahr.


Man muss sagen: Einkaufen im Supermarkt ist sozialer Häuserkampf.


Sich dem Risiko durch Vermeidungsverhalten zu entziehen, wäre aber der falsche Weg. Denn bestellt man, sich in Sicherheit wähnend, nun ersatzweise online die Handelsgüter des täglichen Bedarfs, so wartet die böse Überraschung, wenn es blöd läuft, am Ende gar vor der eigenen Haustür: Scheiße, das ist ja ……….. (Vorname/Nachname). Also ich wusste ja gar nicht, dass dieser/diese ……….. (abschätzige Charakterisierung) jetzt Lebensmittel zustellt.


Nein, sage ich, dann lieber das Risiko vor Ort beherrschen. Fragt sich nur, womit.


Prinzipiell stehen uns zwei Möglichkeiten zur Verfügung: Flucht oder Tarnung. Letzteres hängt in hohem Maße vom Ort des drohenden Aufeinandertreffens sowie den individuellen Improvisationsfähigkeiten ab. Befindet man sich zum Beispiel gerade im Gang mit den Hygieneartikeln, lässt sich mithilfe einer Packung Toilettenpapier, akkurat vor Gesicht und Oberkörper gehalten, problemlos eine vernünftige Camouflage herstellen. Wer über die entsprechende Muskelkraft verfügt, kann auch zur Waschmittelgroßpackung greifen. Passanten – und damit auch das unliebsame Individuum – werden annehmen, dass hier jemand einfach mit besonderem Interesse, aber schlechtem Sehvermögen die Inhaltsstoffe von Omo Color 100 Waschgänge studiert.


Zugleich wird damit aber auch deutlich: Den unglücklichen Versuch zu starten, sich hinter Dr. Oetker Bitter-Mandel-Aroma oder gefrorenem Schnittlauch zu verbergen, kann nur als absolut lächerlich bewertet werden. Insbesondere in der Tiefkühlabteilung wäre sogar von grober Fahrlässigkeit auszugehen, bieten die dortigen naturräumlichen Gegebenheiten doch ausgezeichnete Wege des Untertauchens. So konnte ich schon einmal die unerwünschte Begegnung mit einer einst befreundeten Damenblasmusikkappelle abwehren, indem ich mich in eine Tiefkühltruhe beugte und dergestalt in bester Deckung verharrte. Nicht unerwähnt bleiben darf dabei freilich, dass mich eine innerhalb der Blechbläserinnen geführte Diskussion hinsichtlich der Auswahl von Speiseeis an die Grenzen der Belastbarkeit führte. Die Erfrierungen zweiten Grades ließen sich aber immerhin gut behandeln.


Was die Flucht als Methode angeht, der unerquicklichen Situation zu entkommen, kann man nur eindringlich vor hühnerartig-kopflos ausgeführtem Davonstieben warnen. Es gilt hier, gefasst und mit Bedacht vorzugehen, andernfalls droht die ungewollte Begegnung drei Regale weiter halt erneut. Klar: Nur wer zu jeder Zeit weiß, wo sich das zu meidende Subjekt gerade befindet, ist in der Lage, ihm konsequent aus dem Weg zu gehen.


In diesem Zusammenhang hat sich die Parallel-Gang-Technik bestens bewährt. Hier hält man sich immer eine Regalreihe hinter der unerwünschten Person auf und sorgt damit für gleichmäßigen Sicherheitsabstand. Aber Achtung: Gehen Sie niemals als Erstes an die Kassa! Kaum hat jemand wieder einmal die Scheißbananen nicht abgewogen – und Sie bezahlen doppelt.



Ausgewählte Beiträge. Zuerst erschienen im wöchentlichen Newsletter.

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